Materialismus und Barbarei. Ein Abend für Joachim Bruhn

Vorträge & Diskussion mit Jan Gerber (Halle) und Magnus Klaue (Leipzig)
21. März 2025, 18:30 Uhr, Saalbau Gutleut, Rottweiler Str. 32

Am 30. Januar 2025 wäre Joachim Bruhn siebzig Jahre alt geworden. Die sogenannten Antideutschen, deren Bemühungen, den nationalen und später linken Konsens anzugreifen, Bruhn wie kaum ein anderer beeinflusst hat, sind heute nicht einmal mehr als historischer Gegenstand von Interesse. Im Maße, wie die antideutsche Strömung sich als Modernisierungshelfer der Linken zu Tode gesiegt hat, befällt selbst ihre verbliebenen Anhänger Gedächtnisschwund. Vergessen ist, was bei der erfolgreichen Implementierung antisemitismuskritischer Versatzstücke in wissenschaftliche Curricula, Parteiprogramme und zivilgesellschaftliche Projekte auf der Strecke geblieben ist: Beweggrund der Kritik war einmal die Sehnsucht nach einer anderen Welt, die bekanntlich auf sich warten lässt und durch keine revolutionäre Schreibtischarbeit näher gerückt war. Doch gerade dieses Scheiterns wegen gehören viele Texte ›von damals‹ nicht ins Archiv, sondern sollten noch immer auf die Pelle rücken: als Mitteilung unerfüllter Leidenschaften, deren »Kopf«, wie Marx es sagte, die Kritik ist.

Besonders gilt das für die Schriften Joachim Bruhns, der seit 1981 in der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum (ISF) wirkte und den ça ira-Verlagmitbetrieb. Bevorzugt verfasste er anlassbezogene Traktate. Das große Werk interessierte ihn nicht, sein Metier war die kleine Polemik. Erleben durfte man ihn zumeist bei autonom organisierten Vorträgen in der Peripherie der Universitäten. Bruhn sprach und schrieb nicht für die Karriere, sondern für andere: für solche, die seine Kritik begreifen und weitertreiben wollten. Dabei leistete er sich den Luxus, keinerlei Rücksicht zu nehmen. Kritik galt ihm, so Jan Gerber in einem Nachruf, »als Waffe, die ihren Gegenstand nicht widerlegen, sondern erledigen will«. Nicht der rechthaberische Wille, Kontrahenten abzuräumen, sondern das polemische Verhältnis zur Sache: zu Staat, Kapital und Ideologie, brachte ihn in Opposition zur Linken, die er als den »extremen Pol gesellschaftlich möglicher Dummheit« begriff, ob ihrer »prompten Bereitschaft zur Rationalisierung, zum sich theoretisch Verständlichmachen noch der Anti-Vernunft«, als die die falsche Gesellschaft und ihre Denk- und Fühlformen prozessieren. Dabei wusste er sich einem an Marx geschulten Adressatenkreis verpflichtet, der wenn schon nicht das Vermögen, so doch immerhin noch den »Willen zur revolutionären Erkenntnis« hatte. Schon zu Lebzeiten musste Bruhn auch dessen Erlöschen registrieren. Seit die Linke nicht einmal mehr auf Wahrheitssuche ist, seit sie statt zu rationalisieren die ratio als westliche, männliche oder weiße Anmaßung verdammt, können universitär Beschulte von Bruhns Attacken, sofern sie sie überhaupt verstehen, höchstens noch traumatisiert werden.

Weil es sonst keiner tat, hat der »Freundeskreis Joachim Bruhn« im letzten Jahr den Band Materialismus und Barbarei. Pamphlete und Essays herausgegeben, für den maßgebliche, bislang in Buchform unveröffentlichte Texte Bruhns aus vier Jahrzehnten ausgewählt und mit einem Vor- und Nachwort versehen wurden. Den heute als autoritärer Lebens- und Planetenschutz, als Gesundheits- und Achtsamkeitskult gesellschaftlich verallgemeinerten Wahn hat Bruhn schon seit den 1980er Jahren als sektiererische und letztlich suizidale Kümmerform des linken Aktivismus kritisiert: Lebensreform statt Revolution. »Wie der Kampf um nichts als das nackte Überleben die Menschheit auf das serielle Exemplar ihrer Gattung reduziert, zu dem sie doch erst gemacht werden sollen, so entfalten die notwendigen Accessoires endloser Selbsterfahrung wie Gesundheitswahn, Identitätssucht und Intimitätshysterie ihren wahren Glanz erst unter Bedingungen völliger Sterilität, im Tod. ›Holocaust‹ ist angesagt.«

Die Neigung sich zum Opfer aller möglichen Mächte zu stilisieren, die mit der Bereitschaft zum (Selbst-)Mord gepaart auftritt, begriff Bruhn nie als bloße Macke, sondern als getreuen Ausdruck von versteinerten Verhältnissen, deren Totenstarre sich nur lockert, wenn zur Vernichtung geschritten wird. Der Massenmord an den Juden stand deshalb im Zentrum von Bruhns Denken. Den Nationalsozialismus begriff er nicht als plötzlich hereinbrechende neue Ordnung, gestiftet von einer besonders bösen Sorte Mensch. Der eliminatorische Antisemitismus sei dem Kapitalverhältnis vielmehr im doppelten Wortsinn »entsprungen«. Die Krise der Wertvergesellschaftung habe den Nationalsozialismus hervorgebracht, doch ging die »Vernichtung als Selbstzweck« über die am Einzelnen desinteressierte instrumentelle Vernunft des kapitalistischen Systems qualitativ hinaus. Er wusste, dass es Schlimmeres als den trostlosen kapitalistischen Normalvollzug gibt, doch bestand darauf, dass just das Kapitalverhältnis die Möglichkeit seiner barbarischen Aufhebung fortwährend impliziert.

Mit der realisierten Möglichkeit dieser »negativen Aufhebung des Kapitals« ging auch die marxistische Geschichtsphilosophie zuschanden. Nach der Wannsee-Konferenz sei die Beschwörung des proletarischen Aufstands, ja jede Form des Revolutionsklamauks bestenfalls Rationalisierung, wenn nicht das Weitertreiben der Vernichtung: Im notorischen Antizionismus revoltierender Linken erkannte Bruhn die globalisierte Form des Judenhasses, im Aufstand gegen Israel als »künstliches Gebilde« den Wunsch nach dem naturhaften Volksstaat, nach »Verschmelzung im repressiven Kollektiv«. Israel verteidigte Bruhn daher so unerbittlich wie nüchtern als »das einzige Notwehrmittel gegen den weltweit grassierenden Antisemitismus« – zuweilen aber auch als eine Art kommunistischen katéchon, als Aufhalter neuerlicher Barbarei und »Schibboleth« der Revolution, und versuchte die Geschichtsphilosophie als negative doch noch zu retten.

Das entband nicht davon, den geistigen Erben Hitlers, die heute Palästina-Wimpel tragen, entgegenzutreten. Wann immer Bruhn das tat, verließ er sich weder auf deren Empfänglichkeit für »Fakten« noch auf höhere »Theorie«, die ihm als unkritische verhasst war. Um die »Totalverschleierung des Bewusstseins« zu lüften, setzte er auf Aufklärung, die nur darin bestehen konnte, den Wahn- und Widersinn der falschen Totalität derart zu denunzieren, dass sich ein »Raum der Entscheidung und der Freiheit« auftut. Wer dafür ansprechbar war, musste auch mit den eigenen Deformationen ins Gericht gehen. Bruhn radikalisierte und pointierte Adornos Erkenntnis, wonach die Subjekte den gesellschaftlichen Prozess bis ins Innerste reproduzieren. »Materialismus« konnte für Bruhn weder akademischer Zeitvertreib noch politisches Agitationsprogramm sein, »weil er die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie beim Wort nimmt und damit als die Einheit von Kapitalkritik, Staatskritik und Ideologiekritik, als die sie von Anfang an gedacht war: Das ist die Quintessenz.«

Thunder in Paradise


Die Einsamkeit Joachim Bruhns

Über Werte, Interessen und die Dialektik des Westens

Vortrag von Jan Gerber

Der 28. Februar 2025 war ein schwarzer Tag für die Diplomatie, vor allem aber für die Ukraine. Schon kurz nach dem Eklat im Weißen Haus kündigten die Vereinigten Staaten das Ende der militärischen und finanziellen Unterstützung an. Das kam einer Preisgabe des Landes gleich, auf die Wolodymyr Selenskyj schnell mit Zugeständnissen zu reagieren versuchte. Katastrophal waren auch die hiesigen Reaktionen. Nur wenige Stunden nach der Pressekonferenz im Oval Office begann ein großes Spiel. Es hieß: Wer macht sich am meisten vor? Waren es diejenigen, die Donald Trumps Behauptung einer Kriegsschuld der Ukraine ignorierten und sich Putin im Stile des POTUS zum vertrauenswürdigen Geschäftspartner schönredeten? Oder waren es eher diejenigen, die damit auftrumpften, dass Europa in der »freien Welt« – ein Begriff, der plötzlich wieder Konjunktur hatte – nun endlich an die Stelle Amerikas treten könne? Der unbändige Antiamerikanismus, der sich Bahn brach, traf auf Größenwahn. Zugleich fiel auf, dass die meisten Politiker, Kommentatoren und Social-Media-Strategen außer Pathos und Empörung nichts zu bieten hatten. Kaum jemand konnte auf den Begriff bringen, was sich im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten, der Ukraine und Europa nicht erst seit dem Amtsantritt Trumps vollzieht. Stattdessen wurde mit idealistischen Kategorien wie Verrat, Respektlosigkeit, mit persönlichen Eitelkeiten oder dem Bruch mit der diplomatischen Etikette hantiert, ganz so, als könnten eigene Vorstellungen in Sachen Kleiderwahl und Protokoll tiefe Freundschaften zerstören.

Angesichts dieser allgemeinen Begriffslosigkeit lohnt es sich, an die Schriften Joachim Bruhns zu erinnern – nicht, um sie zu kanonisieren, sondern um sie für die Kritik der Gegenwart zu konsultieren. Ebenso wie Johannes Agnoli, dessen Gesammelte Werke Bruhn mit herausgab, machte er sich keinerlei Illusionen über die bürgerliche Gesellschaft, ihren Staat und die Politik. So bestand er zum Beispiel darauf, dass Faschismus und Nationalsozialismus nicht das »ganz Andere« der bürgerlichen Demokratie, sondern auf das Vielfältigste mit ihnen verbunden waren. Im Unterschied zu Agnoli, der sich bisweilen schwer damit tat, wusste Joachim Bruhn dennoch zu unterscheiden: zwischen demokratischem und autoritärem Staat, Leviathan und Behemoth, dem Westen und seinen Feinden. Beides war eine Voraussetzung dafür, dass er sich weder in Äquidistanz übte, noch dazu tendierte, dringend notwendige Parteilichkeit mit Apologie zu verwechseln. Das war eine Fähigkeit, die ihn heute noch einsamer machen würde als zu Lebzeiten.


Jan Gerber ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er hat zusammen mit Joachim Bruhn das Buch Rote Armee Fiktion (Freiburg 2007) herausgegeben. Weitere Publikationen: Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus (München 2018); Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg (erw. Neuaufl., Berlin 2021); Das Zeitalter des Populismus. Zur Vorgeschichte der Gegenwart (Schwerpunkt in: Hallische Jahrbücher #2/2024).


Nicht hagiographiefähig

Joachim Bruhn und die Vorteile des Raubdrucks für die Ideologiekritik

Vortrag von Magnus Klaue

Als im vergangenen Jahr beim Verlag de Munter unter dem Titel Materialismus und Barbarei eine Auswahl von Joachim Bruhns Texten erschien, wurde dies teilweise als kindischer Verstoß gegen die mittlerweile in ideologiekritischen Kreisen übliche Norm hagiographischer Historisierung wahrgenommen. Offenbar besteht der ausgeprägte Wunsch, vermeintlichen antideutschen Vordenkern nach dem Modell von Wolfgang Pohrt eine am besten annotierte Werkausgabe hinterherzureichen, das Genre des Raubdrucks gilt als primitiv, studentisch-anarchisch und irgendwie respektlos. Demgegenüber soll der Vortrag die bedeutende Stellung des Raubdrucks gerade in der Geschichte historisch-materialistischer Kritik skizzieren und in Erinnerung rufen, daß schon immer eine Wahlverwandtschaft zwischen noch so verdienstvollen Werk- und Gesamtausgaben und der Musealisierung ihres Gegenstands bestand: Wer zum Vordenker ernannt wird, über den wird nicht mehr nachgedacht.


Magnus Klaue ist Germanist und war von 2011 bis 2015 Redakteur im Dossier- und Lektoratsressort der Jungle World, danach für fünf Jahre Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig. Derzeit arbeitet er über Max Horkheimer und die Geschichte der Kritischen Theorie. Er schreibt regelmäßig u.a. für die Welt und die FAZ und ist seit 2024 Mitherausgeber der Zeitschrift casa|blanca. Texte zur falschen Zeit.


Zum Facebook-Event…