Der entgrenzte Staat. Kritik der Biopolitik

Vorträge & Diskussion mit Thunder in Paradise (Frankfurt a.M.)
14. Mai 2022, 19:00 Uhr, Saalbau Titus-Forum, Walter-Möller-Platz 2

In der Corona-Pandemie ist eine autoritäre Disposition zum akuten Syndrom ausgewachsen, die auf eine tiefe Krise der Subjektivierung verweist. Die Erosion hergebrachter familialer Erziehungsinstanzen schafft Platz für den Staat, der – immer repressiv und produktiv zugleich – die Elternfunktion ausfüllen soll. Das Bedürfnis nach fürsorglicher Führung, klaren Regeln und billig zu habender Anerkennung wächst umso mehr, je mehr der Staat die Bürger, die es schon lange nicht mehr miteinander aushalten, per Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen zusammenpfercht. Wo keine Aussprache mehr möglich ist, wächst die Sehnsucht nach einer Autorität, die so wenig verhandelt wie das Virus selbst.

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Moralismus und Krise. Zur Pathogenese der postbürgerlichen Welt

Vortrag & Diskussion mit Philippe Witzmann (Berlin)
23. April 2022, 19:00 Uhr, Saalbau Bornheim, Arnsburger Str. 24

Der in China längst zur dystopischen Realität gewordene Wunschtraum totalitärer Herrschaft, die postdemokratische Technokratie, nimmt auch im Westen Kontur an. Hier schickt sich ein saturiertes akademisches juste milieu an, den mitunter bis zur manifesten Paranoia gesteigerten Reinheits- und Gesundheitsfimmel an parlamentarischen Auseinandersetzungen und rechtsstaatlichen Verfahren vorbei als allgemeinverbindliche Norm durchzusetzen. In ihrem Eifer, die Gesellschaft zum sterilen Patientenkollektiv rigoros »umzubauen«, übertrumpfen die zivilgesellschaftlichen Erneuerer mitunter noch die Staatsapparate, von denen sie abhängen.

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Factum Brutum. Die Brutalität des Faktischen im Gesundheitsstaat

Vortrag & Diskussion mit Anna Sutter (Berlin)
9. April 2022, 19:00 Uhr, Saalbau Titus-Forum, Walter-Möller-Platz 2

Dass in immer kürzeren Abständen mit Tabubrüchen Tatsachen geschaffen werden, ist seit Ausrufung des Ausnahmezustandes der Normalzustand. Möglich waren und sind flächendeckende Schul- und Betriebsschließungen, Ausgangssperren und Zugangsregelungen, die mittels digitaler Gesundheitspässe kontrolliert werden, nur in einer Gesellschaft, die, während sie in früheren Jahren noch hinter vorgehaltener Hand ihre eigene Abschaffung herbeisehnte, im März 2020 offen suizidal geworden ist.

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Unreine Wissenschaft. Zur kritischen Theorie der Medizin

Vortrag & Diskussion mit Magnus Klaue (Leipzig)
26. März 2022, 19:00 Uhr, Saalbau Titus-Forum, Walter-Möller-Platz 2

Seit März 2020 hat sich das Verhältnis der Bürger westlicher Staaten zur Medizin und zu deren Vertretern in umstürzender Weise verändert. Das häufig genug obskur begründete Mißtrauen gegen einen Berufsstand, dessen Vertreter im Fall sogenannter Kunstfehler, falscher Medikamentation und mißlungener Operationen nur selten erfolgreich verklagt werden können, ist einem verstockt-aggressiven, aber umso fanatischeren Glauben an »die Medizin«, »die Naturwissenschaft«, »die Zahlen«, »die Fakten«, Verlaufskurven, Inzidenzen und Hospitalisierungsraten gewichen. Was im Frühjahr 2020 noch als halbwegs rationale Reaktion auf eine pandemisch auftretende Viruserkrankung gedeutet werden konnte, ist ein Jahr später als Massenparanoia inklusive politisch gepäppeltem Denunziantentum, Todeswünschen gegen Abweichler, Euthanasiedrohungen gegen »Ungeimpfte« sowie geistigen Selbstabdankungen einst vernünftiger Menschen zu sich selbst gekommen.

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Das woke Kapital. Von der verwalteten zur betreuten Welt

Vortrag & Diskussion mit Clemens Nachtmann (Graz)
29.Januar 2022, 19:00 Uhr, Saalbau Griesheim, Schwarzerlenweg 57

Der »soziale Kapitalismus« vor 1989 bezog seine Legitimation daraus, daß er in strikter Gegnerschaft zum »realen Sozialismus« sich zugleich als jenes Gesellschaftssystem präsentierte, das die Ziele, für die der Sozialismus eintritt, besser und effektiver zu erfüllen vermag: daß kein Einzelner den Launen weder der ersten noch der zweiten Natur einfach ausgeliefert sein soll, sondern daß dafür gesorgt ist, daß niemand durch schlechte Arbeitsbedingungen, durch Arbeitslosigkeit, Krankheit etc. in Not gerät, daß darüberhinaus alle durch ihre Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten können und Zugang zu Bildung und Kultur haben. Dementsprechend nahm der Staat die formell weiterhin freie Kapitalakkumulation de facto in politische Regie, betrieb aktiv Wirtschafts-, Sozial-, Gesundheits- und Kulturpolitik und die ehemals liberalen Staaten des Westens nahmen allmählich das Gepräge einer »verwalteten Welt« an, wie Adorno und Horkheimer den organisierten Kapitalismus nannten.

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Die mobilisierte Gesellschaft und ihre Verlierer

Einleitungstext zu unserer gleichnamigen Konferenz, die am 16. November 2019 in Frankfurt a.M. stattfindet.

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Aᴅᴏʀɴᴏ: Wenn die Planung dazu führt, daß es keine Bettler mehr gibt, so verlöre die Planung selber die Totenstarre, dann würde sich etwas Entscheidendes verändern.
Hᴏʀᴋʜᴇɪᴍᴇʀ: Möglich, aber auch denkbar, daß es in die Barbarei zurückfällt.
Aᴅᴏʀɴᴏ: Die Möglichkeit des Rückfalls ist immer gegeben. In einer Welt, die so geplant wäre, daß alles, was man tut, in einer durchsichtigen Weise dem Ganzen dient und nicht mehr darin besteht, daß unsinnige Tätigkeiten ausgeführt werden, würde ich gern zwei Stunden am Tag einen Lift bedienen.
Hᴏʀᴋʜᴇɪᴍᴇʀ: Mit dieser These rasen wir dem Reformismus zu.[1]

Die Proteste der sogenannten Gelbwesten, die Ende letzten Jahres in Frankreich ihren Höhepunkt erreicht hatten, riefen auch der vom französischen Klassenkampf angewiderten deutschen Öffentlichkeit unweigerlich in Erinnerung, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse kein Schicksal sind, dass es immer und überall brav zu ertragen gilt. Man starrte nicht zuletzt deswegen wie gebannt auf die Demonstrationen und Blockaden im westlichen Nachbarland, weil die Protestierenden das Tabu brachen, nicht für irgendeine höhere Sache oder für ein bisschen symbolische Anerkennung auf dem Weltmarkt der Identitäten auf die Straße zu gehen, sondern um darauf aufmerksam zu machen, dass das Geld knapper, die Arbeit mieser und die Zumutungen immer unverschämter werden. Weiterlesen „Die mobilisierte Gesellschaft und ihre Verlierer“

Identitätsbezogene Vernunftfeindlichkeit. Über Antisemitismus, Islam und Antidiskriminierungsideologie

Vortrag & Diskussion mit Thunder in Paradise (Frankfurt a.M.)
2. Mai 2019, 19:00 Uhr, Melanchthonianum, Universitätsplatz 9, Halle a.d. Saale

Dass der Jargon der Antidiskriminierung lagerübergreifend zum guten Ton gehört, weiß man spätestens seit selbst der AfD-Chef Jörg Meuthen vor »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« gewarnt hat. Unter diese Hohlformel der Vorurteilsforschung werden Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Sexismus und so weiter unterschiedslos subsumiert. Der Erfolg der vielfaltsorientierten Antidiskriminierungsideologie, die auf die Gleichwertigkeit der Identitäten pocht, hat seine reale Ursache in der postmodernen Transformation der Arbeitsgesellschaft. In dem Maße wie Unternehmen auf den »arbeitenden Kunden« (G. Günter Voß) als unbezahlte Arbeitskraft setzen, wachsen die Notwendigkeit und die Bereitschaft, potentiellen Mitmachern jedweder Identität die »Teilhabe am Wertschöpfungsprozess« zu ermöglichen. Inklusion wird zum betriebswirtschaftlichen Erfordernis, Diskriminierung zum Verlustgeschäft. Weiterlesen „Identitätsbezogene Vernunftfeindlichkeit. Über Antisemitismus, Islam und Antidiskriminierungsideologie“

Antisemitismus, Islam und die Willfährigkeit der Zivilgesellschaft

Vortrag & Diskussion mit Thunder in Paradise (Frankfurt a.M.)
9. November 2018, 19:00 Uhr, Philipp-Scheidemann-Haus, Holländische Straße 74, Kassel

Unter dem Motto »Unteilbar« zogen am 13. Oktober fast eine Viertelmillion Menschen »gegen jegliche Form von Diskriminierung und Hetze« durch Berlin. Mehr Demonstranten brachte die deutsche Zivilgesellschaft in diesem Jahrtausend nur einmal auf die Straße, als es darum ging, den Schlächter Saddam Hussein gegen den US-amerikanischen Erzfeind zu verteidigen. Im Aufruftext zu »Unteilbar« heißt es: »Gemeinsam treten wir antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Antifeminismus und LGBTIQ*-Feindlichkeit entschieden entgegen.« Die staatsoffiziell akklamierte Mobilmachung gegen den Rechtsruck besiegelt hierbei aufs Neue die Allianz zwischen Antirassisten und politischem Islam: Unter den Bündnispartnern tummeln sich zahlreiche Muslimbrüder, BDS-Anhänger konnten auf der Demonstration ungestört zur Auslöschung Israels aufrufen. Weiterlesen „Antisemitismus, Islam und die Willfährigkeit der Zivilgesellschaft“

Zur Kritik der politischen Ökologie

Vortrag & Diskussion mit Jörg Huber (Frankfurt a.M.)
8. November 2018, 18:30 Uhr, Gaststätte Fennischfuchser, Mainzer Landstraße 95

Keiner soll sich über den »Jahrhundert-Sommer« freuen. Denn der gilt längst nicht mehr als gute Gelegenheit, um Eis zu essen oder ins Schwimmbad zu gehen, sondern als plagende Hitzewelle und sicheres Zeichen einer bevorstehenden Klima-Apokalypse. Das ergibt auch deswegen Sinn, weil die Kommunen für den Erhalt und Ausbau der Bäder ohnehin kein Geld übrig haben und sowieso immer weniger Kinder schwimmen können. Dafür lernen sie jetzt schon in der Grundschule ökologisch zu denken, also sich auf immer mehr Verzicht einzustellen. Und wer sich bis in den warmen Herbst hinein in Gartenwirtschaften mit kühlenden Getränken versorgt, dem droht die Wissenschaft ebenfalls mit Prognosen. Auch das Bier werde wegen des Klimawandels knapp und teuer, weil der Hopfen nicht mehr so gut wachsen soll. Und wenn die Maß nicht mehr voll wird, wählen selbst die Bayern grün. Aber wird alles wirklich so schlimm, oder treibt die politische Ökologie nicht ohnehin viel mehr die Politik um als die Natur? Weiterlesen „Zur Kritik der politischen Ökologie“

Über den Untergang der Satire

Vortrag & Diskussion mit Justus Wertmüller (Berlin)
20. April 2018, 19:30 Uhr, Speiserestaurant Fennischfuchser, Mainzer Landstraße 95

Satire, die mittels Übertreibung, Spott und Wortwitz das objektiv Skandalöse zum Vorschein bringt, das der Alltagstrott verdeckt, schielt nicht auf die Befindlichkeiten des Publikums, sondern reizt zum Gelächter gegen gesellschaftlich präformierte Meinungen und Sprachformen. Der zeitgenössische politische Humor in Deutschland hat vom kritischen Potential der Satire nichts übrig gelassen. Wenn heute mittels wenig sublimierter Beleidigungen und vergeigter Pointen aufgemuckt wird, geht es nicht um der Aufklärung verpflichtete Irritation des Publikums. Vielmehr werden vorab zum Abschuss freigegebene Volksfeinde als Lachnummern durch die Manege geführt, um das Publikum im Gefühl zu bestärken, zu den überdurchschnittlich Cleveren zu zählen. Weiterlesen „Über den Untergang der Satire“