Über den Mythos vom »Lone Wolf« und das Wesen des Islamischen Staats

Vor einem Jahr, am 12. Juni 2016, fielen im Nachtclub Pulse in Orlando 49 Menschen einem islamistischen Massaker zum Opfer.

Aus diesem Anlass veröffentlichen wir die Schriftfassung eines Vortrags von Lukas Sarvari, der am 18. Oktober 2016 bei unserer Veranstaltung »Der islamistische Krieg und der Bankrott des Westens« in Frankfurt am Main gehalten wurde.


I.

Am Abend des 17. Junis 2015, gegen 21 Uhr Ortszeit, betrat der damals 21-jährige Dylann Roof die Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina – unter dem Vorwand, am gerade stattfindenden Bibelstudium teilzunehmen. Als sich die anwesenden Gemeindemitglieder anschließend ins Gebet vertieften, zückte er eine halbautomatische Pistole und eröffnete das Feuer. 9 Menschen wurden ermordet: 6 Frauen und 3 Männer, darunter der Pastor. Ein 10. Opfer überlebte. Während Dylann Roof um sich schoss, schrie er: »Ihr vergewaltigt unsere Frauen und Ihr übernehmt unser Land. Und Ihr müsst verschwinden!« Tags darauf wurde der Täter bei einer Autokontrolle gefasst. An der Stoßstange des Fluchtwagens prangten drei Konföderiertenflaggen. Nach Roofs Festnahme entdeckte man zudem seine Website, auf der er rassistische Traktate veröffentlicht hatte sowie Fotos, die ihn bewaffnet vor der Konföderiertenflagge posieren zeigten. Die Ermittlungen ergaben, dass der junge Mann sich vor der Tat im Internet »selbstradikalisiert« habe. Er sah ein weißes Amerika durch Schwarze bedroht und hoffte, mit seinem Massaker an afro-amerikanischen Kirchgängern einen Rassenkrieg entfesseln zu können.

Schnell wurden Stimmen laut, dass solchem Eifer mit »gun control« allein nicht beizukommen war. Obama äußerte zwei Tage später, dass »die offensichtliche Motivation des Schützen uns daran erinnert, dass der Rassismus eine Fäulnis ist und bleibt, die wir gemeinsam bekämpfen müssen. Wir haben große Fortschritte gemacht, aber wir müssen wachsam bleiben, weil sie noch immer fortwest. Und wenn sie die Köpfe junger Leute vergiftet, verrät das unsere Ideale und zerreißt unsere Demokratie in Stücke.« (1) Am selben Tag verlautbarte die Washington Post: »Anstatt eine abgedroschene Waffendebatte wiederaufzuwärmen, die uns noch nie weit gebracht hat in der nationalen Auseinandersetzung über Rasse und Rassismus, sollten wir das Kernproblem explizit benennen: rassistische Gewalt.« (2) Plötzlich standen überall in den USA rassistische Vorurteile, Morde an Schwarzen und die rassische Segregation auf der Debattenordnung. In kürzester Zeit kam es zu landesweiten Protesten gegen die öffentliche Präsentation der Konföderiertenflagge – Symbol der Sklaverei und des Südstaaten-Rassismus, mit dem der Mörder seine Propaganda schmückte. Nur zwei Wochen nach dem Massaker hatten unter anderem Amazon, eBay, Walmart, Google und der Apple App Store den Verkauf von Südstaaten-Fahnen und anderen Produkten, auf denen sie abgebildet ist, bereits untersagt. (3) Wenig später beschloss der Senat von South Carolina, die Konföderiertenflagge von allen Regierungseinrichtungen zu entfernen. Das Vorgehen gegen die Südstaatenfahne war mit Sicherheit eher symbolischer Aktionismus und doch zeigten diese Reaktionen, dass der Angriff auf die afro-amerikanische Kirchengemeinde, obwohl von einem Einzelnen durchgeführt, als Symptom begriffen wurde. Die Öffentlichkeit begnügte sich daher nicht mit dem psychologischen Profil des Täters, sondern richtete die Diskussion auf das schwarzenfeindliche Milieu, dem Dylann Roof entwachsen war, und nahm die historischen Besonderheiten desjenigen Teils der amerikanischen Gesellschaft ins Visier, dem der Mörder angehörte.

II.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 2016 stürmte der 29-jährige Omar Mateen mit einem halbautomatischen Gewehr und einer Selbstladepistole bewaffnet den Nachtclub Pulse in Orlando, Florida, in dem zu diesem Zeitpunkt über 300 Menschen feierten, größtenteils Schwule und Lesben. Sofort begann er in die Menge zu schießen. Nachdem die ersten Polizisten im Inneren des Clubs versuchten ihn zu stoppen, verschanzte er sich in den Toilettenräumen und nahm die Clubbesucher, die dort Zuflucht gesucht hatten, als Geiseln. Der Polizei gegenüber behauptete er, Sprengstoffwesten bei sich zu führen und drohte damit, sie mehreren Geiseln anzulegen und durch die Zündung das gesamte Gebäude zum Einsturz zu bringen. Stattdessen aber begann er, die Geiseln nacheinander zu exekutieren, bis schließlich ein Spezialkommando der Polizei um 5:07 Uhr, drei Stunden nach den ersten Schüssen, den Club einnahm und den Täter erschoss. 38 Menschen waren zu diesem Zeitpunkt bereits ermordet, 64 weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt. Für 11 von ihnen kam jede ärztliche Hilfe zu spät.

Überlebende berichteten anschließend, dass Mateen, während er die Exekutionen ausführte, geschrien habe, dass er nicht eher aufhören werde, bis die Vereinigten Staaten aufhörten sein Land zu bombardieren. Welches sein Land ist, machte er klar, als er während des Massakers den Notruf wählte und der Polizei gegenüber bekannte: »Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Gepriesen sei Allah und Gebete und Frieden seien mit Allahs Propheten. Ich will Euch wissen lassen: Ich bin in Orlando und ich habe geschossen. […] Ich schwöre Treue auf Abu Bakr al-Bagdadi, möge Allah ihn beschützen, im Namen des Islamischen Staates.« (4) Dieses und weitere Zitate veröffentlichte das FBI erst am 20. Juni in ungekürzter Form. Zuvor waren sämtliche Hinweise auf den Islamischen Staat und seinen Kalifen al-Bagdadi aus dem Transkript des Telefonats gestrichen worden – ein kläglicher Versuch, die Ideologie des Täters zu vertuschen.

Dylann Roofs Herrenmenschenideologie wurde ein Jahr zuvor von Obama unmissverständlich der Kampf angesagt. Aber im Fall Orlando vermied es der amerikanische Präsident bis heute, von islamistischem Terror zu sprechen. Während nach dem Charleston-Massaker eine Debatte über rassistische Einstellungen in der weißen Südstaaten-Bevölkerung entbrannte, wurde nach Orlando nur vereinzelt gefragt, wie es denn um die Homo- und Transsexuellenfeindlichkeit unter amerikanischen Moslems steht. Dylann Roof wurde als Produkt einer Gesellschaft angesehen, in der die Rassensegregation zwar nicht mehr de jure, zum Teil aber de facto fortbesteht; und die vielfältige Agitation von weißen Suprematisten wurde nach Charleston genau unter die Lupe genommen – was in amerikanischen Moscheen über gleichgeschlechtlich Liebende gepredigt wird, war nach Orlando jedoch nur bedingt von Interesse. Keinesfalls durfte die Tat von Omar Mateen mit seiner »Herkunftskultur« in Verbindung gebracht werden. Stattdessen will man bis heute glauben, er sei selbst homosexuell gewesen und habe aus »schwulem Selbsthass« gemordet – obwohl es zu seinem Sexualleben widersprüchliche Aussagen und Ermittlungsergebnisse gab. Als Kronzeuge für die nicht-religiöse Motivation des Anschlags wurde zudem sein Vater Seddique Mateen herumgereicht, der steif und fest behauptete, der Anschlag seines Sohnes habe nichts mit dem Islam zu tun. Begründet hat er das ausgerechnet damit, dass es nur Allah und nicht dessen frommen Dienern obliege, die Homosexuellen zu bestrafen.

Omar Mateens Vater, ein Einwanderer afghanischer Herkunft, ist ein Internet-Agitator, der in Videobotschaften von den Taliban schwärmt und sich selbst zum neuen afghanischen Präsidenten deklariert hat. Mit seinem Sohn ging er Medienberichten zufolge zwei- bis dreimal pro Woche in die Moschee – dieselbe Moschee, die auch Mateens Bekannter Moner Mohammed Abu Salha besuchte, der in Syrien ein Selbstmordattentat gegen Soldaten des Assad-Regimes verübte. Man möchte meinen, dass es einiger Verrenkungen bedürfe, einen Terroristen, der aus einem solchen Umfeld kommt, als »Lone Wolf« zu bezeichnen – als einsamen Wolf, inmitten einer Herde frommer Lämmer. Und doch wurde Omar Mateen schnell als ein solcher identifiziert – allerdings nicht weil er nicht aus einem islamistischen Umfeld gekommen wäre, sondern weil man ihm, wie es so heißt, »keine direkten Verbindungen zum Islamischen Staat« nachweisen konnte.

Dass Omar Mateen ein Einzeltäter im juristischen Sinne war, steht außer Frage: Er hat seine Tat ohne fremde Hilfe geplant und ausgeführt. Ebenso steht fest, dass er in kein organisatorisches Netzwerk von Djihadisten eingespannt war. Im Jargon der Geheimdienste musste Mateen daher als »Lone Wolf« gelten: So bezeichnen sie Gefährder, die nicht mittels der Analyse von Informationsströmen terroristischer Organisationen ausfindig gemacht werden können. Jenseits dieser kriminalistischen Bedeutung hat der Begriff aber keinen Sinn, sondern wird ideologisch, wenn er in der öffentlichen Debatte über das Tatmotiv dazu verwendet wird, zu verschleiern, dass der Anschlag ein Anschlag des Islamischen Staates war. Man beruhigt sich Mal um Mal damit, dass es ja nicht der IS, sondern nur ein Trittbrettfahrer gewesen sei, der das jeweilige Blutbad zu verantworten hatte. Im Zusammenhang mit dem IS-Terror von »Lone Wolfs« zu sprechen, verkennt aber das Wesen und die Strategie des Islamischen Staats, der keine einsamen Wölfe, sondern nur »Soldaten des Kalifats« kennt. Und es verwässert den entscheidenden Unterschied, der zwischen Djihadisten wie Omar Mateen und rassistischen Killern wie Dylann Roof oder auch Anders Breivik besteht: Während die Taten letzterer tatsächlich Einzelfälle sind und von den Tätern stets damit begründet werden, einen Rassenkrieg, den es nicht gibt, erst noch zu entfachen, sind die Djihadisten Teil einer weltweiten Bewegung, die ihren Glaubenskrieg längst führt.

III.

Neben vielen anderen wird auch Mateen vom Islamischen Staat als »Soldat des Kalifats« gehuldigt, und zwar in der IS-Zeitschrift Dabiq, die zwar Layout-technisch von westlichen Hochglanzmagazinen gelernt hat, aber statt Fashion und Lifestyle nur religiöse Litaneien und Splatter-Bilder bietet. Mit Propagandawerken wie diesen, selbstverständlich englischsprachig, trägt der IS seinen Ruf nach korangetreuen Schlachtfesten in alle Weltregionen. Wer seinen Namen auf einer der regelmäßig veröffentlichten Listen der für Allah und sein Kalifat gestorbenen Mörder sicher wissen will, braucht bloß auf eigene Faust losziehen und ein Massaker an Ungläubigen anrichten. Den Startschuss zu der Reihe von IS-Anschlägen außerhalb des Kalifatsgebiets hat bereits im September 2014 der glücklicherweise mittlerweile durch eine amerikanische Bombe getötete Propagandachef des IS, Abu Mohammed Al-Adnani gegeben:

»Wenn Du einen ungläubigen Amerikaner oder Europäer – besonders die boshaften und dreckigen Franzosen – oder einen Australier, einen Kanadier oder irgendeinen anderen der Krieg führenden Ungläubigen, inklusive der Bürger der Länder, die der Koalition gegen den Islamischen Staat beigetreten sind, töten kannst, dann vertraue auf Allah und töte ihn auf irgendeine Weise, auf welchem Weg auch immer. […] Wenn es Dir nicht gelingt, an eine Sprengvorrichtung zu kommen oder an Munition, dann such Dir einen ungläubigen Amerikaner, Franzosen oder einen ihrer Alliierten aus. Zertrümmere seinen Schädel mit einem Stein, schlachte ihn mit einem Messer oder überfahre ihn mit Deinem Auto oder schmeiß ihn von einem hohen Ort in die Tiefe oder erwürge ihn oder vergifte ihn. […] Wenn Dir das nicht gelingt, dann brenne sein Haus nieder, sein Auto oder sein Geschäft. Oder zerstöre seine Ernte. Wenn Du dazu nicht fähig bist, dann spuck ihm ins Gesicht. Wenn Du Dich weigerst, das zu tun, während Deine Brüder bombardiert und getötet werden und während ihr Blut und Besitz überall von ihren Gegnern beansprucht wird, dann überprüfe Deine Religiosität. Du bist in einem gefährlichen Zustand, denn die Religion hat keinen Bestand ohne Wala und Bara.« (5)

Wala und Bara bezeichnet eine theologische Doktrin des salafistischen Islam, die wesentlich älter ist als der Islamische Staat, nämlich bereits in den späten 70er Jahren aufgestellt wurde: Sie lautet wörtlich »Loyalität und Lossagung« und verlangt von jedem Moslem, erstens loyal zu seinen Glaubensbrüdern zu stehen und zweitens alle Ungläubigen zu verachten, die gottlosen Staatssysteme zu bekämpfen und, in der Version des IS, nur Allahs Gesetz, so wie es das Kalifat in Syrien und im Irak exekutiert, anzuerkennen. In der Logik des IS ist demnach nur derjenige ein Moslem, der die Ungläubigen aktiv im Rahmen seiner Möglichkeiten bekämpft. Und folgerichtig wird jeder Moslem, indem er das tut, Teil des Islamischen Staats, der sich als der einzige glaubwürdige Repräsentant der weltweiten Ummah versteht. Moslemsein heißt dem IS, seit das Kalifat ausgerufen wurde, sich zu diesem bekennen und auf seine Weisung handeln. Alles andere wäre todeswürdige Ketzerei. Deshalb stehen auch alle Moslems, die nicht seinen djihadistischen Wahn teilen, sondern ihre Religion als private Frömmelei betreiben, als Abtrünnige auf seiner Todesliste. Für den IS sind diese Moslems Teil der von ihm sogenannten »Grauzone«, die offensiv zu bekämpfen er seit den Attentaten gegen die Charlie Hebdo-Redaktion und den jüdischen Supermarkt in Paris proklamiert: Die Moslems sollen gespalten werden in wahre Gläubige, die sich dem IS unterwerfen und alle anderen, die ihm als Apostaten gelten, weil sie der Verführung der westlichen Freiheit nachgeben und sich dem Krieg gegen die Ungläubigen verweigern. Ein Leben in der Grauzone, also das Bekenntnis zur islamischen Religion bei gleichzeitiger Anerkennung und Wahrung der säkularen Gesetze, wäre demnach eine Vernachlässigung der religiösen Pflichten, die mit dem Tod bestraft wird.

Im Mai 2016 hat der IS-Propagandist Al-Adnani seinen Aufruf zum weltweiten Morden in einer Videobotschaft erneuert, diesmal allerdings verbunden mit der Verkündigung eines grundsätzlichen Strategiewechsels des Islamischen Staates: Nachdem der IS infolge von irakischen, syrischen und Rebellenoffensiven sowie Luftschlägen durch die Koalitionsstreitkräfte einige Gebietsverluste einstecken musste, erklärte er Anschläge im Ausland zu seiner neuen Priorität – um besonders die westlichen Staaten zu einer Einstellung ihrer Angriffe zu bewegen. Überdies war zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit der Ausreise von Djihad-willigen Islamisten durch viele Regierungen bereits erheblich eingeschränkt worden, weswegen die »Soldaten des Kalifats« besser in ihren Heimatländern Angriffe verüben sollten:

»Oh Sklaven Allahs, Oh Gläubige! Wenn die Feinde Mohammeds die Türen zur Auswanderung vor Euren Augen geschlossen haben, dann öffnet die Tür zum Jihad vor ihren. Macht Eure Pflicht zu einer Quelle ihrer Reue. Wahrlich, die kleinste Tat, die Ihr in ihren Ländern ausführt, ist uns lieber als die größte Tat hier bei uns. Sie ist effektiver für uns und richtet bei ihnen mehr Schaden an. Wenn einer von Euch sich wünscht das Land des Islamischen Staates zu erreichen, dann wünscht sich jeder von uns, dass er an seinem Ort bleibe und Exempel an den Kreuzrittern statuiere, Tag und Nacht, sie in Angst versetze, sie terrorisiere, bis jeder Nachbar seinen Nachbarn fürchtet.« (6)

Der Zeitpunkt dieser Videobotschaft war bewusst gewählt: Es war kurz vor Beginn des Monats Ramadan, den der IS mit seiner Kampagne zu einem »Monat der Angriffe und des Djihad, einem Monat der Eroberung« machen wollte. Die Parallelen zur sogenannten »Messer-Intifada« der Palästinenser sind unverkennbar: Terrororganisationen müssen Anschläge nicht mehr zwangsläufig planen, sondern brauchen bloß via Internet ihre Anhänger dazu animieren, in Eigeninitiative loszumorden. Genau wie der IS rief auch die Hamas zu »Ramadan-Operationen« auf, in deren Verlauf unter anderem eine 13-jährige Israelin im Schlaf erstochen wurde. Wenige Tage zuvor gaben IS-Anhänger in Tel Aviv tödliche Schüsse auf die Besucher eines Cafés ab.

Auch Omar Mateen war einer dieser Ramadan-Mörder und sein Anschlag ein Anschlag des Islamischen Staates. In seinem letzten Facebook-Post hat er sogar angekündigt, dass sein Massaker nicht das letzte sein würde, und in den nächsten Tagen weitere Angriffe des Islamischen Staats folgen würden. Folglich verstellt es das Verständnis der Tat, von einem Einzeltäter ohne Verbindung zum IS zu sprechen. Wer es trotzdem tut, behandelt den Islamischen Staat wie einen Schützenverein, in dem es eine formale Mitgliedschaft gibt und jede Aktion einen satzungsgemäßen Beschluss erfordert. Der IS ist aber kein traditioneller Verein, sondern funktioniert vielmehr nach dem Franchise-Prinzip: Der IS ist eine Marke, die jeder vertreiben darf, wenn er den entsprechenden Preis dafür zahlt – also sich dem bedingungslosen Kampf gegen die Ungläubigen anschließt und dafür idealerweise auch sein Leben gibt.

Noch weniger als eine klassische Organisation ist der IS ein Staat. Anders als die regelmäßig fleißig auf den neuesten Stand gebrachten Landkarten des Zweistromlandes suggerieren, hat er keine Grenzen. Grenzen zwischen Staaten sind nichts anderes als Waffenstillstandslinien; der IS aber hat allen Staaten den Krieg erklärt und strebt grundsätzlich nach der Weltherrschaft. Er beherrscht bereits Gebiete – und das heißt in erster Linie: Menschen – in 18 Staaten bzw. Teilstaaten (7) und hat bislang in über 20 Ländern außerhalb von Syrien und Irak Anschläge verübt. Insofern ist er das Gegenteil eines Territorialstaats und kennt nationale Souveränität so wenig wie Staatsbürgerschaft: Teil der Kampfgemeinschaft »Islamischer Staat« wird man nicht, indem man ihm beitritt, sondern indem man sich von jedem weltlichen Souverän lossagt. Das Initiationsritual seiner Anhänger ist dementsprechend das feierliche Verbrennen ihrer Ausweisdokumente. Auf diesen radikalen Antinationalismus könnten linke Revoluzzer durchaus neidisch sein.

Die militärische Bezwingung des Islamischen Staats in seinem Kerngebiet, aber auch anderswo, ist notwendig – aber nicht allein um seine ökonomische und logistische Struktur zu zerstören, denn dass der IS auch ohne direkte Hilfe aus Syrien eine Bedrohung darstellt, leuchtet ein. Notwendig ist ein Sieg in diesem Krieg auch, um den weltweit beheimateten Djihadisten im Wartestand das Objekt der Identifikation zu entziehen. Solange die Herrschaft des IS über »heilige arabische Erde« fortbesteht, peitscht seine schiere Existenz vernichtungswillige Männer dazu auf, im Selbstmordanschlag Teil dieses mächtigen Kollektivs zu werden. Ist die Hauptstadt Raqqa einmal befreit und der dort ansässige Propagandaapparat vernichtet, dürfte das die Aussichten von islamischen Narzissten auf posthumen Ruhm als Märtyrer erheblich schmälern – und hoffentlich seinen Teil dazu beitragen, dass das weltweite Morden im Namen Allahs ein Ende nimmt. Momentan stehen die Zeichen dafür schlecht. Die Gegner der Islamisten vor Ort sind nicht fähig und der Westen offenbar nicht willig, der Barbarei des IS ein Ende zu bereiten – ganz zu schweigen von Russland, Assad und dem Iran, die für den IS nie eine existenzielle Bedrohung waren. Und solange für IS-Anschläge im Westen nur »Lone Wolfs« oder psychopathische Einzeltäter verantwortlich gemacht werden, müssen sich die Regierungen in Europa und Amerika nicht dafür rechtfertigen, dass sie keinen effektiven Krieg führen.

IV.

»Was tun«, wenn ein islamistischer Weltkrieg im Gange ist, aber niemand dem IS adäquat Paroli bietet? Es ist fast, als wäre der alte linke Kalenderspruch makabre Wirklichkeit geworden: »Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.« Die linke Intelligenzija unternimmt derweil alles, damit das so bleibt – und zahllose Atheisten, Christen, Jesiden, Homosexuelle und andere dem tödlichen Regime des IS ausgeliefert bleiben. Der französische Philosoph Alain Badiou etwa hält den IS lediglich für eine nihilistische Reaktion des besitzlosen Teils der Weltbevölkerung auf die neoimperiale Zerstörung nahöstlicher Staatlichkeit durch den Westen. Dementsprechend empfiehlt er anstelle einer militärischen Bezwingung der Djihadisten ernsthaft die kommunistische Weltrevolution, von der er natürlich weiß, dass sie so schnell nicht kommen wird – das heißt vor allem: nicht rechtzeitig. (8) Gegen Kriegsgegner wie Badiou muss an Bertolt Brecht erinnert werden, der wusste, dass nichts dran ist an der faulen Utopie der linken Pazifisten, die den Leuten raten zu Hause zu bleiben und auf den ewigen Frieden zu warten. Unbewegt von solchem Schwindel dichtete Brecht vor 80 Jahren im Exil:

»Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.« (9)

Lukas Sarvari

  1. http://www.johnstonsarchive.net/terrorism/obamaonterrorism1.html#2015 (Übersetzung hier und im Folgenden vom Autor)
  2. https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2015/06/19/charleston-isnt-about-gun-control-its-about-racial-violence/?utm_term=.3175ba6fc99b
  3. http://www.nytimes.com/2015/06/24/us/south-carolina-nikki-haley-confederate-flag.html?_r=0
  4. https://www.fbi.gov/contact-us/field-offices/tampa/news/press-releases/investigative-update-regarding-pulse-nightclub-shooting
  5. https://www.jihadwatch.org/2014/09/islamic-state-we-will-conquer-your-rome-break-your-crosses-and-enslave-your-women-by-the-permission-of-allah
  6. http://heavy.com/news/2016/05/new-isis-islamic-state-al-furqan-media-audio-message-that-they-live-by-proof-egyptair-flight-ms804-804-mp3-read-english-translation-text-download/
  7. Irak, Syrien, Phillipinen, Indonesien, Pakistan, Afghanistan, Yemen, Saudi-Arabien, Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Mali, Nigeria, Somalia, Bangladesch, Tschetschenien, Dagestan (Stand: Oktober 2016)
  8. Badiou, Alain: Wider den globalen Kapitalismus. Für ein neues Denken in der Politik nach den Mordern von Paris, Berlin: Ullstein 2016.
  9. Brecht, Bertolt: »Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt«, in: ders.: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Bd. 9, Frankfurt: Suhrkamp 1967, S. 503.